Samstag, 30. August 2014

ESTLAND | TALLINN | - privat -

Das mit dem Öffentlichen und dem Privaten ist ja so eine Sache.
Urlaubsfotos - gerne "Trophäen" genannt, nach dem Urlaub kommt dann das neue Profilfoto bei Facebook, man selbst hübsch und glücklich vorm Eiffelturm, so kann man stolz zeigen, dass man "da-gewesen-ist", an einem tollen Ort, wo jede/r mal gewesen sein muss.
Vor ein paar Wochen war ich mit der Uni in Estland und Finnland, auf Exkursion. Da langsam die Zeit kommt, wo die Reiseerschöpfung überwunden ist und man sich in der Arbeitserschöpfung gerne mit Reiseerinnerungen beschäftigt und in den neu entstandenen Freundschaftsgruppen Fotos austauscht, beginne auch ich, gruppentaugliche Fotoalben zu erstellen. Bei bestimmt über 1000, 2000 Fotos machen Auswahlen Sinn. Dann ist da aber die Frage der Kriterien. Was sind tolle Menschenfotos, Erinnerungen für die Gruppe? Was sind tolle Städtefotos, durch welche ich mit meinen Fotoskills angeben kann? Was ist verwackelt und lässt meine Fotoskills doch nicht mehr so gut erscheinen? Und dann - was gefällt mir zwar sehr, hat Erinnerungswert, ist aber für die Gruppe uninteressant oder sogar peinlich - kurz gesagt Label "privat"?

Die Pose vorm Eiffelturm, vor der Sehenswürdigkeit zeigt - ich bin körperlich dagewesen, ich hab kein Foto aus dem Internet geklaut, auch wenn ihr das Motiv ja schon alle kennt. Sinnliches Erleben imaginärer Welten nennt Tourismustheoretiker Christoph Henning das. Der fotografierte Körper als Medium zur Erinnerung sinnlicher Erfahrung - klappt sehr gut: Was ist eine Reise? Sehenswürdigkeiten sind Stationen, letztendlich verbringt man viel Zeit mit Laufen, laufen, S-Bahn, Bus, Stehen, Warten, Anstehen, Laufen. Aber das ist schön, das ist Wandern, sehen, erleben. Und so weiter. Ich fotografiere gerne meine Beine, um mich daran zu erinnern, wie ich dagewesen bin, wo ich gestanden habe, den Zustand des Laufens, Reisens, festzuhalten. Ich erhebe keinen Anspruch auf künstlerisches Patent auf dieses Motiv, ist bestimmt auch "Klischee". Aber diese Bilder sind eben für mich sehr wichtig, für andere... na ja, nicht lesbar, unverständlich. Privat also auch, weil einfach nicht zugänglich. Sieht ja alles gleich aus.
Da ich gerne Praktiken umkehre, deshalb hier meine liebsten und privatesten Erinnerungsfotos, öffentlich gemacht. Mit Leseanleitung. Und natürlich keine Best-Of-Auswahl, die Wahrheit ist der Überfluss, die Auswahl wäre keine Realität.
(1) Abfahrt, nachts um 4 am Bahnhof in Bremen. Zwei Stunden geschlafen, lange gepackt, müde. Aber vorfreudig.
 (2) Im Zug zum Flughafen. Noch Essensreste gegessen, der Mitbewohner konnte die nicht übernehmen, weil er selbst mitfuhr. Selbstgebackener Kuchen, Geschnittene Ananas und mein ominöser Liter Milch. War lecker. Und wir waren entspannt.

 (3) Im Flugzeug. War kalt. Hab Fotos vom Flugzeugflügel gemacht, mich geärgert, dass das das typische Abflugsritual ist. Neben Dozentin, die Übelkeitstabletten hatte, gesessen.
 (4) Tatsächlich nach Reisestrapazen in Tallin, Estland angekommen. Mit Gruppe unterwegs gewesen, cool, aber nervig die ersten Stunden (Plural, ja) in neuer Stadt mit der Suche nach einem Supermarkt zu verbringen. Warm, obwohl Osteuropa.
(5) was gegessen, Stadtführung mitgemacht. Endlich im Hostel eingecheckt und bessere Klamotten angezogen.
 (6) Wartend an Bushaltestelle. Color-Key-Funktion meiner Kamera entdeckt.
(7) ebenso.
(8) immernoch. Wir mussten zu irgendeinem Museum. Sich der Gruppe anschließend.
(9) Immernoch. Wahrscheinlich etwas in der Innenstadt, war schattiger.
(10) Nach dem Landesmuseum Estland zum anderen Museum laufend, dabei am Meer entlang. Etwas von der Gruppe abseilen, mit Mitbewohner schöne Zeit mit Fotos verbringen, Meerwasser fühlen und so.
(11) Im KuMu, Kunstmuseum, sein. Tolle moderne Sachen, alles ein bisschen anders als mitteleuropäische Sachen. Endlich Kunstmuseum, das ist mehr für mich als diese historischen Museen.
(12) Im KuMu tolle moderne Kunst entdecken. Da ist doch der ganze Boden angemalt, man muss über ihn rüberlaufen, um in den nächsten Raum zu kommen. Man traut sich nicht, ist doch Kunst? Viele gehen weiter, ich geh rüber. Partizipation und so.
(13) Noch mehr Partizipation im KuMu. Raum mit ganz viel Beamerprojektionen, schreibe mich durch Schatten in die Bilder ein, Interaktion und so.
(14) Im nächsten Museum. Hab mir aus meinem Schal eine Tasche für mein Ipad, auf dem ich immer Notizen schreibe, gebastelt. Viele beobachten mich beim Knoten. Später machen mich welche nach. Ich habe endlich die Hände frei.
(15) Im Freilichtmuseum über das Gelände krakseln. Mir war schon wieder übel, das war nervig. Aber es hatten welche Kekse dabei, das hat mich gerettet.
(16) Im Freilichtmuseum. In einem alten Schulgebäude Dinge vorgetragen bekommen. Ja, die Tafel sieht aus wie mein Ipad. Das ist lustig.
(17) nach einem Freilichtmuseum an der Bushaltestelle. Diskutieren lange, ob wir jetzt den Weg zu einer anderen laufen, um einen besseren Bus zu erwischen.
(18) Laufe einmal ein paar Stunden alleine durch die Stadt. Tolle Musik gehört. Gleich bin ich auf einem tollen russischen Markt, mit günstigem Tiramisu-Kuchenstück.
(19) Im Gesundheitsmuseum in Tallinn. Schöne Sachen zum Ausprobieren. Da war mir schon übel und schwindelig, ich hatte ja diese MagenDarm-Geschichte.
(20) Im Naturkundemuseum. Also da ging es mir überhaupt nicht gut. Zum Glück hatte eine aus der Gruppe Kreislauftabletten mit und Traubenzucker. Hab dann danach Cola mit Zucker getrunken.
(21) Letzter Abend am Meer in Tallin. Sonne, Unser Dozent schwamm mit uns, Köstlicher Nachtisch. Nur stressig, weil wir eigentlich zum Gruppentreffen ins Restaurant nebenan mussten.
(22) Helsinki. Krass, ich war in Finnland! Da sind wir auf dem Sehenswürdigkeiten-Senatsplatz vorm Dom rumgelaufen. Alle waren zu müde, Finnland anzuschauen, weil die Fähre zu früh gebucht wurde, aber ich bin mal wieder unternehmerisches Selbst.
(23) In Finnland kaufte ich mir auf einem Flohmarkt einen hübschen Kissenbezug, den ich danach als Ipad-und-Krams-griffbereit-Tasche verwendete. Das hier war im Dom, wo wir 3 verschiedene Kleingruppen unserer Gesamtreisegruppe trafen. Zufall? Ist ja auch die Stadtsehenswürdigkeit.

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Dienstag, 26. August 2014

Freifeld.

Anonyme Partyfotos auch von mir. Bis aufs höchste stilisiert, versuche ich hier

Montag, 25. August 2014

Von Pia zu Pia

Regenbogenfarben...
Die Farben liegen bereit, genauso wie die bunten Stifte für die Namensschilder, denn die Personen auf der Lise werden nacheinander abgehakt.
eine etwas müde Pia lädt ein zum Freundschaftsbänder-Bastel-Workshop im Handwerksmuseum in Ovelgönne.
die große Pia...
...knüpft mit den noch kleinen, zukünftig großen Pias.
Zu Essen gab es: Wolle, und das reichte auch schon.
Wer will denn damit bitte wie viele Packungen zuknoten? Oder Haarzöpfe schließen?
Mit Gabeln macht man neuerdings Armbänder. Tschüss, traditionelle Knüpftechniken mit natürlich abbaubarer Baumwolle!
So ist das. Wenn man 8-jährigen ein Knotenarmband beibringen möchte, ist es einfach jeder einzelne Knoten, der wieder und wieder erklärt werden muss. So ein Armband hat pro Reihe 10 Knoten. Mit der guten kleinen, die sich den Großen in der Gruppe anpassen wollte, und nicht nur Plastiklooms machen wollte wie die andere, die schließlich aufgab, schaffte ich immerhin fünf Reihen in Einzelbetreuung, während der ich nicht mit den anderen tolle neue Sachen lernen konnte.
Das alles war ein kleiner Ferienspaß-Workshop mit 12 8-13 Jährigen. Eine so stark altersgemischte Gruppe ist schrecklich, wenn die kleinen gar nichts verstehen und weinen und die großen sich langweilen. Puh. Aber was schön: Durch die freiwilligen Anmeldungen kam eine wirklich heterogene Gruppe zusammen, wider Erwarten sogar bzgl. des Geschlechts: Zwei Fußballerjungs machten nicht nur Knüpfarmbänder in den Farben ihres Lieblingsvereins, sondern auch mit den Fingern geknüpfte Gummibandarmbänder (Leidenschafttlich, einer schaffte sechs Stück). Nicht in Deutschlandfarben, sondern "Indianerfarben", wie mir erklärt wurde.
Zurück blieb ein kleines Chaos. Mitgeben konnte ich noch ein paar Stränge zum zu Hause weiterknüpfen.
Tesafilmspielereien, ist es doch so einfacher, Bänder auf den Tisch zu kleben. Dazwischen, hier rechts, Pflasterreste. Aber dazu keine Tränen von der Indianerin.

Tschüßtschüß! Bis zum nächsten Mal.

Freitag, 20. Juni 2014

Kulturabwertung

Werte haben was mit sozialen Positionierungen zu tun. Genauer: mit sozialen Beziehungen.
Was soll das heißen? Werte haben was mit dem Geschmack, dem Habitus zu tun: was finde ich gut, was finde ich schön - was stoße ich ab, was finde ich doof oder häßlich. Kulturen sind Wertesysteme. Kulturen sind auch Verstehensgemeinschaften, dass gleiche Dinge mit Zeichen wie der Sprache verknüpft werden, aber nicht nur Frau=die anatomisch weibliche Person, sondern eben auch Werte, wie Frau=das schöne Geschlecht. Und das hat auch was mit sozialen Beziehungen zu tun, weil Werte nicht universell sind - ich als heterosexuelle Frau muss nicht männlich sein, aber mein Gegenüber mag ich dann anscheinend in einer bestimmten Form von Beziehung nur, wenn er männliche Eigenschaften hat, die ich dann eben schön finde. Trifft zwar nicht immer zu, das ist aber egal. Ich finde jemanden in einer bestimmten Position, die es zu mir verhaltend gibt, nur gut, wenn bestimmte Werte erfüllt werden.

Man spricht mit Leuten über Dinge, um soziale Beziehungen auf zu bauen. Denn so schafft man eben Beziehungen oder sucht nach vorhandenen - was mag man? Und sind die anderen nicht doof, weil sie es nicht mögen? Was, du hast den Film auch gesehen und du findest die gleichen Stellen lustig wie ich? Wir sind Freunde. Denn positiv verortet man sich meist zu Personen, die gleiche Wertesysteme haben. Das drückt sich in einem bestimmten Kulturkreis aus, in Subkulturen, in Habitus, Mode und das alles natürlich in der Sprache. Bei Freunden geht es meist um eine Wir-Gemeinschaft. Denn alleine im weiten Feld, auch im richtigen Bourdieu-Feld, macht es keinen Spaß, was hat man dann schon von seinen Werten. Auch wenn man sich auch nur damit allein gut fühlen kann - ist man denn nicht besser als die anderen?
Wir - Ihr  - Sie. Wir, das Gegenüber und die Anderen. Und schon habe wir eine halbwegs organisierte Gesellschaft. Denn die mit den gleichen Wertesystemen gruppieren sich gerne. Bloß es gibt ein Problem: Die mit den anderen Wertesystemen sind doof, es gibt nicht einfach nur ein Nebeneinander, da entstehen diese Hierarchien.

Leben macht Spaß. Und beim Leben verortet man sich sozial, weil man eben immer bei dem was man gut findet, ausdrückt, aus welcher Position und welchem Wertesystem heraus man spricht. Ich spreche über uns, das macht Spaß. Ich spreche über die anderen, das macht auch Spaß, dann verstärke ich nämlich unser Wir-Gefühl. Ich lästere gerne, das macht auch Spaß. Und das bedeutet Be-werten. Wo es aber schwierig wird: Sich selbst zu bewerten und nicht einfach nur gut zu finden. Denn das bedeutet eine Außenposition zu sich und seiner Gruppierung einnehmen, dann kann man nicht so einfach glücklich vor sich hinleben. Was ist Bewerten? Meist abwerten, oder na ja - zu dem eigenen Wertesystem in Bezug setzen. Ich finde das halt nicht so gut und das finde ich gut. Von einer Außenposition zu sich selbst muss man aber von dem eigenen Zentrum, der eigenen Sonne im Universum absehen und Wertesysteme in Relation zueinander setzen, damit das andere nicht einfach das Bewertete und damit Abgewertete ist. Das macht keinen Spaß, das gefällt mir nicht - es ist ja auch außerhalb einer solchen durch Kategorien verursachten Verortung eines Gefällt mir. Facebooks Daumen-Hoch-Klicks sagen etwas über die Personen aus, aber über die ganze Strukturierung dieses Plattformsystems zu sprechen, ist etwas anderes, da muss man vom eigenen Wertesystem abstrahieren. Aber das kann auch Spaß machen, jeder macht sich darüber lustig, dass Facebookfreunde nicht unbedingt echte Freunde sind, aber auch dieses Abwerten ist nichts anderes als eine soziale Positionierung.

Innerhalb einer Gruppe, in der ich bin, fällt es mir leicht, einfach so zu leben. Wenn und weil uns allen das gleiche gefällt. Wenn ich aber nun nicht in einer Gruppe bin, außen stehe - aber gerne in die Gruppe reinmöchte, ich aber nicht akzeptiert werde, weil ich es nicht schaffe durch die Sprache ein ähnliches Wertesystem auszudrücken, dann entwickle ich vielleicht ein Verhalten: Wie komme ich rein? Und wenn man die Sprache nicht sprechen kann, lernt man vielleicht, die Sprache zu Analysieren. Um sich das anzueignen, um mitsprechen zu können. Und irgendwann klappt es, ganz automatisch. Bloß was einen aus der Gruppe gleich wieder rauskatapultiert: Innerhalb der Gruppe die Gruppe zu analysieren. Das macht man nicht von drinnen, nur von außen. Drinnen ist das Leben, da will man keine Außensicht. Und schon ist das Vokabelnlernen dahin. Und wenn man bei der Punkergruppe zu dem pinken Iro noch eine teure Markenjeans kombiniert hat, dann merkt die Gruppe auch: da stimmt was nicht. Denn auch Kleidung ist eine Sprache, wie alles mögliche am Verhalten, die eben Zugehörigkeit ausdrückt. Wie auch Wertesysteme - wie, du unterstützt den Kapitalismus? Du bist kein sich gegen Kleidungsnormen auflehnender Punk. Irgendwie muss man lernen, das Analysierte auch authentisch auszudrücken und eben nicht nur aufzusagen.

Ich forsche gerne. Ich spreche gerne über das Verhalten von Menschen, aber auch über mein eigenes. Wahrscheinlich hat das was mit irgendeiner Außenposition zu tun. Beobachten, um zu gucken, wie man in die Gruppe reinkommt. Analysieren - das tue ich in der Uni auch, weite aber es auch ins Private aus. Ich habe keine Berufskrankheit, ich habe mir die Krankheit zum Beruf gemacht und drücke mich nun demensprechend legitim und nicht mehr krank aus. Das bedeutet, ich nerve nicht mehr alle mit meinem Analysieren, ich studiere Analysieren (es heißt ja auch wirklich herzlich Kulturanalysen), nerve immer noch, manche sprechen aber mit mir gemeinsam so. So kann auch das außerhalb einer Wertegemeinschaft sein produktiv umgesetzt sein, so kann man gemeinsam mit anderen darüber sprechen. Auch wenn es dann manchmal auch ganz schön ist, einfach das Wir-Gefühl auszuleben.

Feldforschung heißt nach Roland Girtler, die Sprache sprechen zu lernen.
wenn ich etwas doof finde, dann muss ich es beforschung, um mein wertesystem zu relativieren und aus dieser beziehung, in die ich einfach superstark involviert bin, etwas positives - nämlich verständnis - zu ziehen.

analysieren - position

Donnerstag, 5. Juni 2014

Street? Art?

Was sieht man von einer Stadt während eines Städtetrips?
Was sieht man von einer Stadt in der man wohnt?
Außen, Innen - Besuchen, Wohnen.
Die Architektur der Stadt umhüllt das Innen, schützt das Innere.
Architektur umhüllt das Innere. Dann gibt es aber noch die Architektur, die man beim Besuch besuchen kann, um scheinbar das Innere der Stadt zu sehen, die Geschichte, das Leben. Jetzt sind wir Insider.



Alles vor-gesehen. Der Besuch des Edinburgh Castles im Reiseführer, die rote Telefonzelle auf den Klotüren und Wohnzimmerwänden unzähliger Freund_innen, die Silhouette mit Sonnenunterbelichtung im eigenen Fotoalbum und auf der Postkarte. Hallo, Oberfläche, da bist du ja wieder - ich kenne dich noch aus der letzten Stadt.

SCHOTTLAND | EDINBURGH | Warum gefällt Dir das?

Geschmack ist subjektiv.
Das klingt gut. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, sie mag es eben so, er so und ich so.
Foucault sagt, Diskurse bringen Wissen und Macht hervor. Klasse. Und eben Subjektpositionen, die man dann einnehmen kann. Außerhalb dessen gibt es nichts. Hier hieße Subjekt sein, einen Platz eingenommen haben, den die Gesellschaft bereit hält. Geschmack ist subjektiv, aber hier ist subjektiv plötzlich nicht mehr subjektiv. Nicht etwas scheinbar individuelles, unabhängiges, freies. Plötzlich etwas, was von außen kommt und mit der Gesellschaft zu tun hat. Verdammt.
Die Philosophie sucht das Gute, das Wahre, das Schöne. Wie wäre es mit einer Konzeption von Geschmack, vom Ästhetischen als dem Schönen, dem einen Schönen, dass alle schön finden? Und dass unabhängig von Ideologie und Gesellschaft?
Romantik. Nicht nur rosa, glitzernd und von Julia Roberts oder Jennifer Aniston im Kino repräsentiert. Ist auch eine Epoche. Kurz nach der französischen Revolution. Und was hat man da gesagt? Dass Menschen nicht nur irgendwo reingeboren werden, eine Position in der Gesellschaft einnehmen und dies dann einfach ausführen. Das ist ungerecht. Nicht nur der Sohn des Stadtverwalters darf Stadtverwalter werden, auch der Sohn des Bäckers, wenn dieser sich vielleicht sogar besser anstellt (das mit den Frauen lassen wir jetzt erstmal, was diese Zeit angeht). Böse Zivilisation, was macht sie nur mit dem Menschen! Jean-Jaques Rousseau liebte Bergwanderungen, Alpentourismus kam insgesamt auf. Auch wenn Kunstunterricht häufig verdrängt wurde, bestimmte Bildkompositionen wie die des Wanderers über dem Nebelmeer, der Mönch am Meer, sind breit erkannt und werden auch in heutigen Bildern erkannt. Traditionen existieren eben.
Zu dieser Zeit gab es noch so ein paar Männer, die gerne redeten. Nietzsche über das Dyonisische, das Rauschhafte, Schopenhauer über das universale Schöne: das Erhabene. Perfektes Beispiel dafür: Berge, das Meer. Die unendliche Weite und rauschhafte Stärke der Natur. Kenn ich irgendwoher. Und wie guckt man sich das schöne an? Natürlich nicht als Foto auf einem Blog, sondern live, aber davon mal abgesehen: kontemplativ, als reines willenloses Subjekt der Erkenntnis. Loslösung von Zeit und Raum, nicht mehr an kleine Bedürfnisse und sowieso nicht an den Körper denkend. Sich nach außen transzendierend, mit dem Angeschauten verschmelzend. Aber nicht wirklich die Partikularität schauend, nicht die einzelnen Bergblümchen, die Steinstrukturen. Zumindest Schopenhauer geht so weit: man soll an die Urform gelangen, Ideen (Konzept wie bei Platon) schauen, die hinter den Dingen liegen.
Also: Wenn ich vor diesem Berg stehe, kann ich nicht auf gefällt mir klicken, da ich ja nach Schopenhauer mal meinen Körper und den ganzen Krams vergessen sollen. Trotzdem klicke ich auf die Kamera. Mal in Schwarzweiß, weil mir farbige Bergbilder erstmal zu vorgesehen vorkamen. Außerdem wirkt es dramatischer.
Man stelle sich ein Pärchen vor, über welches in der Bildzeitung berichtet wird. Also so richtige Mannfrauklischees. Da mag der Mann sein Auto und seinen Anzug und mag die Frau im pinken Glitzerkleid und Highheels. Und die Frau mag das Auto des Mannes und das sie damit herumgefahren wird und sie mag den Mann im Anzug und sie mag pink und Glitzer, deswegen trägt sie es ja auch.
Aber der Mann mag eigentlich kein pinkes Glitzer, er würde es ja selber nie tragen. Die Frau mag auch keinen Anzug, dass betont ja die Figur gar nicht, die sie sich erarbeitet hat.
Geschmack ist nicht einfach nur subjektiv, nicht verfallen in eine Anschauung. Geschmack sagt einfach viel über die Subjektivität aus. Denn ein gefällt mir! hat etwas mit Identifikation zu tun. Die Frau identifiziert sich eben mit pinken, glitzernden Dingen. Das ist halt weiblich, wie die Katzenberger im Fernsehen. Der Mann nicht so, er ist doch stark und berufstätig, das wäre ihm schon zu albern. Aber an den Frauen gefällt ihm das, denn die sind doch mal zum Angucken, die müssen nichts tun. Es ist paradox: Da gibt es gar kein generelles "schön". Es gibt ein "das guck' ich mir gerne an den anderen an" und ein "das zeig ich gerne an mir nach außen und ich kaufe es auch gerne". Ich und die anderen wird konstituiert, Geschmack subjektiviert, verortet Personen. Ich hier, das gefällt mir hier, du da, das gefällt mir an dir.
Wegrennen. Davor, wenn man plötzlich die pinken High-Heels tragen muss oder wenn man sie eben nicht mehr tragen darf. Up, up and away heißt es auch, wenn manch eine_r gefragt wird "Warum gefällt dir das?"
Interesseloses Wohlgefallen schrieb Kant. Was er damit meinte, war hauptsächlich, dass die wirklich Schönen Sachen nicht Konsumlust auslösen, kein "ich will diese Schuhe kaufen" oder "In dieser Person hat meine Suche nach der Frau für's Leben ein Ende". Damit ist nicht gemeint, dass einem eben einfach etwas gefällt. Es sagt eben etwas über jemanden aus, die Position. Aber das ist nichts schlechtes!
Zeig mir Deine Freunde, und ich sag Dir, wer du bist. Du bist, was du isst. Letzteres sagte Ludwig Feuerbach, Rammstein und sagen healthy Diätratgeber. Verhalten hat was mit dem Wesen zu tun. In welche Richtung (bestimmt das Wesen das Verhalten oder das Verhalten das Wesen?) ist erstmal egal. Aber wie ist das mit dem Gefallen? Fliegt einem das zu, wie die Wolken, leicht, bewegt von irgendeiner äußeren Kraft, sodass man nur noch dastehen und schauen kann? Das Zufliegen des Geschmacks, des Gefallens scheint ja an sich etwas ästhetisches zu sein, sehr hübsch, wenn es so weit außerhalb von einem Selbst ist. Was ist, wenn es - ganz einfach - das Selbst selbst ist?
Da kommt der bedrohliche Spürhund. Stört, wirkt gefährlich, Fletscht die Zähne. Hat er mich gefunden? Geht er weiter? Was sucht er überhaupt noch hier? Und bin ich geschützt, wenn er mich angreift, wird er mich verletzen? Werde ich aufgespürt? - Da verstecke ich mich lieber gleich.
Die große Angst vorm Entdeckt-Werden. Ich stehe auf dem Berg, genieße, finde Gefallen, finde schön, yolo, cool. Warum gefragt werden - Warum gefällt dir das? Das der Hund sprechen und denken kann, macht mir Angst, ich will nicht auch noch analysiert werden, mir gefällt es auch. Ich steh' hier und das ist gut so, lass mich allein.
Das Erhabene, das große Gebirge, wie schön. Und die eigene Position. Und der/die Andere, der was von einem will. Seiten, Pole, Ufer, Berghänge, Verstecken. Ging es bei diesem Gefallen nicht eher um Transzendenz als um Grenzen?
Das "gefällt mir" bei Facebook etwas über die Person aussagt, wissen mittlerweile schon Schreibende der Bildzeitung. Warum gefällt dir das? Frage ich nur allzugerne. Und damit will ich nichts töten, sondern ich will kennen lernen. Denn so sehr das verbal stumme Äußere doch über das Innere spricht, so schwer ist es lesbar. Und langsam wird sichtbar, dass der bedrohliche Hund auch Spielgefährte auf dem Platz auf dem Berg sein kann. Vielleicht wollte er ja nur dorthin zurück, wo er herkommt.